Leseprobe
1 - Condimentum
Die Jahreswende lag erst wenige Wochen zurück. Pauline hatte gehofft, dass das neue Jahr eine Veränderung in ihr Leben bringen würde. Doch noch immer wartete sie darauf.
Seit fünf Jahren stand sie nun im Laden ihrer Eltern am Tresen. An diesem Morgen war es drückend heiß, und wenn sie nicht aufpasste, würde ihr Schweiß auf die Glasplatte tropfen, unter der die Gewürze sorgfältig zum Kauf bereitlagen. Sansibar war berühmt für seine Vielfalt an Aromen, und jeden Tag, wenn sich Pauline auf den Weg zum Laden machte, umwehte sie der süßlich-scharfe Geruch von Vanille und Muskat. In der Ferne klirrte die Takelage der Schiffe im Wind. Hoffentlich legte bald ein neues Schiff an – eines, das nicht nur Waren, sondern vielleicht auch neue Männer an Bord hatte.
Noch immer war Sansibar überwiegend muslimisch geprägt, die christliche Minderheit unbedeutend. Die Auswahl an Männern, die für Pauline infrage gekommen wären, beschränkte sich auf wenige Bewerber – und keinen von ihnen konnte sie sich an ihrer Seite vorstellen. Doch es würde nicht mehr lange dauern, bis ihre Eltern auf eine Verlobung drängten. Immerhin war ihre Mutter in Paulines Alter längst verheiratet und hatte ein Kind geboren.
Warum ihre Eltern ausgerechnet hierher ausgewandert waren, verstand sie nur in besonderen Momenten: dann, wenn der tropische Regen in der Nacht Staub und Schmutz von den Straßen gespült hatte und sie am Morgen von einem Chor exotischer Vögel begrüßt wurde. Dann konnte sie die Insel beinahe als ein Paradies empfinden, eine Welt voller Möglichkeiten.
Heute aber hätte sie sich einen solchen Schauer sehnlichst gewünscht – nicht nur, weil er die Temperaturen gesenkt hätte, sondern auch, weil er Kunden in den Laden getrieben hätte. Menschen, die im Regen Schutz suchten und aus Verlegenheit doch etwas kauften. Doch der Himmel sah nicht so aus, als würde er ihr Gebet erhören.
Ungeduldig ließ Pauline den Blick durch den Laden schweifen. Staub sammelte sich bereits auf einigen Ladenhütern. Zwei große Schaufenster befanden sich neben der Eingangstür: nur eines gab den Blick hinaus auf die Straße frei, das andere war durch ein Regal verstellt. Von draußen konnten die Passanten eine kleine Auswahl der Waren betrachten. Das Hauptgeschäft aber machten Tees und Gewürze aus – Tees vor allem importiert, Gewürze überwiegend von der Insel selbst.
Dem Tresen gegenüber zogen sich Regale U-förmig bis unter die Decke. Sie waren gefüllt mit allem, was zur standesgemäßen Teezubereitung gehörte. Feines Porzellan und Glas dominierten den Anblick, daneben funkelten Silber und Messing. Ein Service aus Indien hatte es Pauline besonders angetan. Es stand in der Mitte des U auf einem Tisch und zog beim Betreten des Ladens unweigerlich die Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Vater hatte es von einer seiner Reisen mitgebracht.
Die Kanne, kantig geformt, war überzogen mit feinen floralen Mustern und Darstellungen indischer Gottheiten. Auf dem Deckel thronte eine Schlange, der Griff stellte den Kopf eines Elefanten dar, dessen Rüssel als Henkel diente. Zuckerdose und Tassen waren kleinere Abbilder der Kanne. Pauline bewunderte immer wieder die Präzision, mit der der Silberschmied die filigranen Muster in das Metall geschlagen hatte.
Wo nur blieb Salima, ihre Aushilfe? Sie hätte längst hier sein und Pauline ablösen sollen. Gerade an diesem freien Nachmittag wollte Pauline unbedingt in den Hafen. Die Hitze im Laden war kaum zu ertragen, so drückend, dass sie meinte, die Luft mit einem Messer zerschneiden zu können. Sie sehnte sich danach, hinauszutreten, sich von der Brise am Meer durchpusten zu lassen – und ausgerechnet heute kam Salima zu spät.
Typisch für die Einheimischen, dachte Pauline. Von ihrem Vater hatte sie die englische Pünktlichkeit geerbt. Hier auf Sansibar aber schien die Zeit anders zu vergehen. Schon oft hatte sie erfahren müssen, dass die Bewohner der Insel kaum Wert auf das legten, was man in Europa als Verlässlichkeit verstand. Aus gleich war später geworden, aus heute ein Morgen. Pauline warf einen genervten Blick auf die Uhr, während ihre Finger einen unruhigen Rhythmus auf die Glasplatte trommelten.
Sehnsüchtig dachte sie an den Hafen. Die frische Meeresbrise, der Blick hinaus in die Ferne – all das konnte für einen Augenblick ihre Enge, das Gefühl des Eingesperrtseins, vertreiben. Wie so oft verfiel sie in Tagträume. Sie sah sich selbst, an der Seite eines stattlichen Mannes, an der Reling eines Schiffes stehen. Auf der Kaimauer winkten ihre Eltern dem auslaufenden Schiff nach, und in Paulines Magen breitete sich ein Kribbeln von Vorfreude aus. Wann endlich würde sie ihre eigenen Leinen lösen können?
Die Türglocke riss sie aus den Gedanken. Salima trat mit gesenktem Kopf ein, und Pauline erkannte sofort an ihrer Haltung, dass sie wusste, wie verspätet sie war. Wahrscheinlich rechnete sie schon mit einer Standpauke. Doch Pauline wollte keine Zeit verschwenden; mit einem missbilligenden Blick übergab sie ihr den Laden. Schon das erste Einatmen der salzigen, kühleren Luft vor der Tür fühlte sich wie Befreiung an.
Die Häuser der Changa Bazaar Street drängten sich eng aneinander. An manchen Stellen hätte Pauline die Arme ausbreiten und beide Seiten berühren können. Laden reihte sich an Laden, die Straße war erfüllt von Stimmen, Rufen, Lachen – ein ständiges Treiben. Das Geschäft ihrer Eltern lag oberhalb des Hafens, an einem Abschnitt, der noch etwas breiter war, bevor die Straße hinab zum Wasser enger wurde.
Pauline schlenderte die Straße entlang, vorbei an den Geschäften der Araber. Gerade, als sie ein rotes Kopftuch im Augenwinkel sah, eilte eine kleine, rothaarige Frau mit einem Ballen weißen Stoffs unter dem Arm heraus. Pauline erinnerte sich nach kurzem Überlegen: Es war die Frau, die einen Pub im Hafen führte. Ein gemurmeltes „Guten Tag“ huschte über deren Lippen, doch ehe Pauline antworten konnte, war sie schon in einer Seitenstraße verschwunden. Pauline sah ihr noch nach – und stolperte prompt über das unebene Pflaster. Zum Glück hatte sie heute die leichten Schuhe gewählt, die ihr Halt gaben. Wie die Häuser, so bestanden auch die Straßen aus dem porösen Korallengestein, aus dem Sansibar gebaut war. Stonetown nannten die Einheimischen deshalb ihre Stadt.
Endlich erreichte sie die Promenade. Der Wind wehte ihr die Haare aus dem Gesicht und trocknete die feinen Schweißperlen auf ihrer Stirn. Der Hafen empfing sie mit seinem lauten Getümmel. Händler, Reisende, Matrosen – Männer, die auf Schiffen anheuerten, riefen durcheinander. Ein Hund sprang plötzlich an ihr hoch, und sie fuhr erschrocken zurück. Nichts verabscheute sie mehr als Hunde. Der kleine schwarze Junge, der ihn an der Leine hielt, zog ihn rasch zur Seite. Pauline trat mit dem Fuß nach, wischte dann verärgert die Flecken von ihrem himmelblauen Rock. Gesindel, dachte sie.
Eine Tafel am Kai kündigte die ankommenden Schiffe an. Ein Name ließ sie innehalten: Condimentum – Gewürz. Wie passend, dachte sie, schließlich brachten die meisten Schiffe nichts anderes als die Schätze der Insel hin und her. Ihr Blick schweifte über das Wasser und blieb an einem langen Schoner hängen, reich verziert mit Schnitzereien.
Noch hatte die Besatzung nicht mit dem Löschen der Fracht begonnen. Pauline suchte sich einen Platz in der Nähe und ließ den Blick über die Männer an Bord gleiten. Sie beobachtete sie gern, wie sie mit schnellen, kräftigen Bewegungen arbeiteten. Dabei stellte sie sich vor, wie es wäre, mit einem Schiff wie diesem in die Ferne zu segeln – und an ihrer Seite ein gutaussehender, wohlhabender Mann, den sie selbst, und nicht ihre Eltern, gewählt hatte. Aber brauchte sie überhaupt einen Mann? Ihre Familie zählte auf sie, der Laden verschlang ihre ganze Kraft. Bitter dachte sie daran, dass sie als Frau in dieser Gesellschaft nur mit einem Ehemann wirklich Anerkennung finden würde. Sie schob die Gedanken beiseite. Heute wollte sie nur den Ausblick genießen. Der Mann konnte warten.
Mit einem Krachen polterte eine lange Holzbohle auf die steinerne Promenade, sprang noch einige Male auf und blieb dann liegen. Ein kräftiger Mann in weiten Gewändern prüfte ihre Stabilität, stampfte, sprang darauf. Mit einem schrillen Pfiff gab er das Signal. Sofort schulterten die Matrosen zwei Säcke nach dem anderen und schleppten sie über die Planke. Unten warteten die Karren, die sich wie in einer perfekt einstudierten Choreografie abwechselten. Pauline beobachtete gebannt das Spiel aus Kraft, Geschwindigkeit und Routine.
Ein Wagen rumpelte dicht an ihr vorbei, der Kutscher warf ihr einen abfälligen Blick zu. Der Hafen ist eine Männerdomäne, dachte sie, kein Ort für Frauen. Aber dieser Blick tat ihr längst nichts mehr.
Doch dann veränderte sich etwas. Pauline konnte es nicht benennen, doch die Bewegungen der Besatzung wirkten plötzlich vorsichtiger. Immer wieder warfen die Männer verstohlene Blicke über die Schulter, hinunter zur wartenden Menge. Neugierig ließ sich Pauline auf eine Tonne sinken. Sie wollte sehen, was geschehen würde. An Deck erschienen neue Gestalten. Männer, in Lumpen gehüllt, die Haut von Schmutz verkrustet, Stofffetzen lose um ihre Körper geschlungen. Pauline glaubte zu erkennen, dass sie gefesselt waren. Ein Schauer jagte ihr über den Rücken, Aufregung stieg in ihr auf – so heftig, dass sie meinte, jeder müsse ihren Herzschlag hören.
Nervös sah sie sich um. Doch niemand schenkte dem Treiben Beachtung. Die Menge zog mit gesenkten Köpfen vorbei, gefangen in den Routinen ihres Alltags. Ein Mann, der einen Handkarren schob, hob für einen kurzen Moment den Blick, drohte aus dem Gleichgewicht zu geraten und starrte sofort wieder zurück zu seinem Wagen. Ein Hund bellte in der Ferne.
Paulines Augen hafteten am Schiff. Unter keinen Umständen wollte sie etwas verpassen. Sie wusste von ihrem Vater, dass Sklaverei offiziell seit Jahren verboten war – und doch kursierten Gerüchte über illegalen Handel. Noch nie war sie einem Sklaven begegnet, und sie hatte es auch nicht vermisst. Wieso auch? Sie entstammte einer wohlhabenden Handelsfamilie, ihre Welt war eine andere.
Ihr Herz schlug schneller, als sich die Schlange der Lumpengestalten in Bewegung setzte. Ein Mann in dunklen Hosen und einem schmutzigen Hemd, bis zur Brust aufgeknöpft, ging als Erster voran. Sein grimmiges Gesicht verriet Anspannung, und er rief den Männern hinter sich Befehle zu. Pauline nahm an, er gehörte zur Besatzung. Einer nach dem anderen setzten die Männer vorsichtig Fuß auf die Planke. Kein Blick wanderte nach oben, keiner schien die Umgebung wahrzunehmen.
Unruhig rutschte Pauline auf ihrer Tonne hin und her. Aufspringen und fliehen – oder bleiben, dem Reiz der Gefahr nachgeben? Ihr innerer Spott kam ihr zu Hilfe: Stell dich nicht so an. Wann erlebst du schon einmal etwas, das aufregender ist als Miss Porters neuer Kuchen?
Der Anführer blieb am Ende der Planke stehen, ließ den Blick über die Menge schweifen – und steuerte dann direkt auf Pauline zu. Sie hielt den Atem an.
Noch bevor die Karawane sie erreichte, drang der beißende Gestank von Schweiß, Moder und Krankheit zu ihr herüber. Wie von unsichtbarer Hand teilte sich der Menschenstrom, ließ die Kolonne wortlos passieren. Pauline senkte den Kopf, wagte es nicht, sich zu regen. Nur Zentimeter neben ihr schlurften die Männer vorbei – gefesselt, gedemütigt, schweigend.
Ein Impuls ließ sie den Blick heben. Und sie sah hinein – in zwei blaue Augen. Augen, in denen Verzweiflung wohnte. Es durchfuhr sie wie ein Schlag, als wäre ihr Magen umgestülpt worden. Doch für den Bruchteil einer Sekunde glomm in diesem Blick etwas auf, ein Funken Leben, als würde er von ihr Kraft schöpfen. Dann war er fort. Der Mann. Der Moment. Pauline sah ihm nach und wünschte, er hätte sich noch einmal umgesehen.
Es geht weiter...
2 - Ankunft auf Sansibar
Nathan Hunter-Knight stand mit einem Glas kalter Limonade am Fenster des neuen Hauses seiner Eltern. Noch immer konnte er nicht begreifen, warum sie England den Rücken gekehrt hatten. Die Streichholzfabrik florierte, und in der Londoner Gesellschaft genossen sie Ansehen. Sein Vater sprach von einem Ruhestand in wärmeren Gefilden – Spanien oder Italien hatte Nathan sich darunter vorgestellt. Dass es Sansibar sein würde, hatte er erst kurz vor der Abreise erfahren. Und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nie nach den Gründen gefragt hatte.
Für ihn war klar: Sobald sich seine Eltern eingerichtet hatten, würde er mit dem nächsten Schiff nach London zurückkehren, die Clubs durchstreifen, die Fabrik führen – und, wenn er genug von Vergnügungen hatte, eine Familie gründen. Vielleicht sogar eine Mätresse halten, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass die prüden Mädchen der Londoner Gesellschaft einen Mann wie ihn zu nehmen wussten. Der Gedanke brachte ihn zum Schmunzeln.
Er betrachtete sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Braunes Haar, frisch geschnitten, die Seiten kurz, das Deckhaar länger und leicht ins Gesicht fallend. Markante Wangenknochen, tief liegende, blassblaue Augen, die seine Mutter für zu eng beieinander hielt – für Nathan jedoch waren sie der Ursprung seines „geheimnisvollen Blicks“. Am meisten liebte er jedoch seine Lippen: voll, sinnlich, und in seinen Augen gefährlich genug, um Damen den Kopf zu verdrehen.
Ein Schatten zog über die Sonne, und sein Spiegelbild verblasste. Stattdessen trat das Bild des jungen Mädchens von gestern hinter der Scheibe hervor. Sie schlenderte hinter einem Karren her, der von einem Leibeigenen gezogen wurde. Selbst aus der Entfernung hatte er ihr Gesicht erkannt – von einer gesunden Blässe, die sich wohltuend vom kränklich bleichen Teint der Londoner Damen abhob. Sein Blick glitt weiter an ihr hinab, und ohne zu zögern verschob er seine Rückreise. Eine exotische Frucht wie sie wollte gekostet werden.
Er spürte die Hand seines Vaters auf der Schulter.
„Mein Sohn, willst du es dir nicht noch einmal überlegen, ganz hier zu bleiben? Deine Mutter würde sich sehr freuen.“
Nathan kannte diese Rede. Oft hatte sein Vater am Kamin davon gesprochen, dass er sich vor der Leere des Ruhestands fürchtete. „Wenn ich die Firma nicht mehr leite, bleibt mir nur deine Mutter, Teekränzchen und Konversation mit Menschen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ich glaube nicht, dass Sansibars Gesellschaft der Londons gleicht.“
Nathan musste innerlich lachen. Nein, diese Gesellschaft tat es ganz sicher nicht. Hier lebten Händler, Missionare, Beamte – Leute, mit denen er sich in London nie abgegeben hätte. Aber die Mädchen hier! Nathan seufzte. Er wusste, dass er ein leichtes Spiel haben würde. Wohlstand, Stand und Aussehen – drei Eigenschaften, die auf dieser Insel selten in einer Person vereint waren.
Während er noch an das Mädchen dachte, schwärmte sein Vater bereits von Plantagen im Hinterland, von Möglichkeiten, mit Erfahrung und Kapital hier ein Vermögen aufzubauen. „Sieh dich um, Nathan! Hier kannst du dich neu erfinden.“
Nathan verstand sehr wohl, was sein Vater meinte. Der hatte sich in seiner Jugend reichlich Freiheiten genommen, bevor er Nathans Mutter heiratete. Für Nathan jedoch galten andere Maßstäbe. Seine Eltern erwarteten längst, dass er verheiratet war – am besten schon mit einem Erben in der Wiege. Dass er sich lieber dem Leben hingab, machten sie ihm mit Blicken und Bemerkungen deutlich. Nathan versuchte, sie an sich abperlen zu lassen. Doch die Erwartungen lasteten schwerer auf ihm, als er sich selbst eingestand. Ihm war bewusst, dass es keinen guten Eindruck machte, wenn er das Geld, das er erhielt, vertrank und anschließend den Weg nach Hause nicht mehr fand.
„Hätte er eine Frau, würde er sich das nicht erlauben können“, hörte er seine Mutter oft mit seinem Vater streiten.
Nathan ließ den Blick über die Port Street hinweg zum Horizont gleiten und stellte sich vor, wie das Leben hier sein könnte. Das Mädchen von gestern – sie könnte seine Frau werden. Gemeinsam würden sie in ein prunkvolles Haus in einem der begehrtesten Viertel der Stadt ziehen. Natürlich in gebührendem Abstand zu seinen Eltern.
„Ich werde noch ein paar Tage bleiben und dann nach London zurückkehren. Irgendjemand muss sich dort schließlich um die Geschäfte kümmern. Ich glaube kaum, dass Smith dem gewachsen ist. Die Arbeiter werden ihm auf der Nase herumtanzen.“
Beide mussten lachen. Smith, ihr Vorarbeiter, besaß die größte Nase, die sie kannten. Angeblich war sie nach einem Boxkampf in einem Londoner Fightclub angeschwollen und nie wieder in ihre ursprüngliche Form zurückgekehrt. „Alkohol spielte dabei aber auch eine Rolle“, hatte er einmal kleinlaut zugegeben.
„Ich hoffe, euer unbeschwertes Lachen bedeutet, dass du noch eine Weile bei uns bleibst?“
Nathan drehte sich um. Evelyn Hunter-Knight hatte es über die Jahre perfektioniert, sich nahezu lautlos anzuschleichen. Sie behauptete stets, es sei ihr normaler Gang – doch Nathan und sein Vater wussten, dass sie schlicht versuchte, möglichst viel von den Gesprächen der Männer aufzuschnappen, bevor sie bemerkt wurde.
Nathan sah seiner Mutter direkt in die Augen. Da sie ihren Mann um eine Kopflänge überragte, musste er den Kopf kaum heben. Sie wirkte auch heute wieder zerbrechlich – eine Täuschung, denn „zerbrechlich“ war wohl das letzte Wort, das auf Evelyn Hunter-Knight zutraf.
„Und? Bleibst du noch?“ fragte sie erneut, als er schwieg. Erst da merkte Nathan, dass er sie unverwandt angestarrt hatte. Er senkte den Blick.
„Ich werde noch ein wenig bleiben, mich aber in den nächsten Tagen auf die Rückreise begeben. Das Geschäft“, murmelte er und nickte seiner Mutter zu. Dann fuhr er, mit einem aufgesetzten Lächeln fort: „Ich gehe ein Stück spazieren. Mal sehen, was dieses Nest so zu bieten hat.“
Das Wort schmeckte ihm, obwohl er wusste, dass Sansibar die größte Stadt an der ostafrikanischen Küste war. Unter ihren vielen Einwohnern würden sich gewiss einige finden, mit denen er Spaß haben konnte – ob bei Schnaps oder im Bett war ihm gleich. Hauptsache, er entkam für ein paar Stunden den flehenden Blicken seines Vaters, ihn nicht mit seiner Mutter allein zu lassen.
Automatisch zog es Nathan in Richtung Hafen. Auch wenn Sansibar erst seit kurzem unter britischem Protektorat stand, dachte er, würde sich dort bestimmt eine Taverne finden lassen, die etwas Stärkeres als Wasser servierte. Doch bald musste er feststellen, dass sich die Bars und Clubs seiner Heimat hier noch nicht durchgesetzt hatten. Erst nach langem Suchen fand er einen kleinen Pub, eingeklemmt zwischen zwei altehrwürdige Häuser. Deren Giebel neigten sich drohend über das gedrungene Gebäude, als wollten sie den ungebetenen Gast zerdrücken. Mit seinen zwei Stockwerken wirkte es neben den kolonialen Palästen des Hafens fast wie ein geduldeter Fremdkörper.
Die Glocke an der Tür verkündete seine Ankunft. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, bis er die Bar und die Umrisse der Stellwände ausmachen konnte, die den Raum gliederten. Schwere Gardinen hielten das Tageslicht draußen, und der Geruch nach kaltem Rauch, Alkohol und Schweiß lag bleiern in der Luft.
Hinter der Theke stand eine kleine, rothaarige Frau, die ihn aufmerksam musterte. Nathan entschied sich für eine Nische neben der Bar.
„Ich bin Betty“, stellte sie sich vor, mit schwerem schottischem Akzent. „Du bist neu hier. Musst dich wohl noch eingewöhnen, aye?“
„Ich brauche nur etwas Starkes, dann wird es schon.“
„Whisky wäre mein Tipp – zwanzig Jahre im Fass, moorig, rauchig. Aber schau dich um: Hier trinkt man Rum. Stärker bekommst du’s nicht.“
„Dann einen Doppelten auf Eis.“
Betty lachte laut auf. „Habt ihr gehört? Auf Eis!“
Einige Gestalten blickten kurz auf und nickten spöttisch.
„Sei froh, wenn der Rum nicht so warm ist wie meine Pisse, aye.“ Lachend verschwand sie hinter der Theke. Nathan hoffte inständig, sie meinte das nicht wörtlich.
Wenig später hielt er das Glas in der Hand. Der Rum brannte in der Kehle, zog seinen Magen zusammen und breitete dann wohlige Wärme aus. Mit geschlossenen Augen lauschte er den Geräuschen: das Klirren von Flaschen, Bettys Klappern hinter dem Tresen, ein leises Schnarchen aus einer Ecke. Hinter ihm sprachen zwei Männer mit rauen Stimmen – erst unverständlich, dann deutlicher.
„Hab gestern ein paar von denen abgeliefert. Der Plantagenbesitzer hat gut gezahlt. War einfach. Runter von Deck, rein in die Menge. Musst sie nur im Griff haben. Keinen Mucks dürfen die machen.“
„Und woher hattest du die?“
„Hab Kontakte nach drüben.“
Eine Pause, dann: „Lohnt sich das Risiko?“
„Wenn ich noch ein paar Jahre so weitermache, kauf ich meiner Süßen ein hübsches Haus. Aber bloß nicht hier. Sonst lynchen die mich noch.“ Sein Lachen klang gezwungen, als ob er genau das fürchtete.
Nathan war sofort hellhörig. Er verstand zwar nicht alle Details, doch es klang nach einer Möglichkeit, leicht und schnell Geld zu machen. Dass es illegal sein konnte, störte ihn nicht im Geringsten – in der Streichholzfabrik seines Vaters hatte er selbst oft am Rande der Legalität operiert, nur um den Gewinn zu steigern.
Doch noch bevor er mehr erfahren konnte, brachen die Männer ihr Gespräch ab und verließen den Pub.
Betty trat an seinen Tisch. „Na, schmeckt’s?“
„Besser als gedacht.“ Nathan wedelte unauffällig mit einem Geldschein. „Sag mal, wer waren die beiden hinter mir?“
„João und Guillermo? Die legen hier alle paar Wochen an. Fahren auf ’nem Schoner, Condi-irgendwas. Transportieren Gewürze ans Festland, manchmal auch Passagiere. Und wenn sie auf Sansibar sind, schauen sie hier vorbei. Manchmal auch in mein Bett.“ Sie grinste breit. „Für dich, mein Hübscher, wäre da auch noch Platz.“
Nathan bemerkte den gierigen Blick, den sie auf seine Börse warf. Er kippte den Rest Rum herunter, verzog das Gesicht, als die Flüssigkeit ihm den Magen verkrampfte, und dachte: Ich hätte frühstücken sollen.
Die Reise beginnt...
3 - Samé
Seit dem Tag seiner Gefangennahme hatte Samé jedes Zeitgefühl verloren. Ob sie nun Tage oder Wochen auf dem Meer unterwegs waren, konnte er nicht sagen. Unter Deck herrschte ewige Dunkelheit, und das monotone Schaukeln, das Glucksen des Wassers an der Schiffswand, war zu einem Wiegenlied geworden, das ihn immer wieder forttrug. Ab und zu öffnete sich die Luke, Kübel wurden geleert, Wasser und etwas Nahrung herabgelassen – nie genug, doch gerade ausreichend, um sie am Leben zu halten. Gespräche waren selten, fast immer lag Schweigen über der Kammer.
Wieder einmal wurde die Luke aufgestoßen, gleißendes Licht stach Samé in die Augen. Er kniff sie zusammen und erkannte die Silhouette eines Mannes, der einen Korb Früchte in den Raum kippte. Die Qualität der Früchte verriet ihm, wie lange sie schon unterwegs waren – immer öfter war das Obst faulig. Er griff nach einer Banane, deren schwarze Schale noch einen essbaren Kern verbarg. Neben ihm schlief sein Nachbar.
„He!“ Samé stieß ihn vorsichtig an. Keine Reaktion. Er rüttelte stärker. Normalerweise weckten sie einander, sobald es Essen gab. „Es gibt etwas …“ Samés Stimme brach ab, als seine Hand an der klammen Haut des Mannes hängen blieb. Erinnerungen an seine tote Mutter schossen ungebeten in sein Bewusstsein. Mit wachsender Panik tastete er nach, bis kein Zweifel mehr blieb. Der Mann war tot.
Samé schluckte. Sein Blick huschte durch die Kammer – die anderen achtzehn schienen zu leben. Doch der Tote konnte nicht bleiben. Auch wenn es hier keine Fliegen gab, würde der Körper bei dieser Hitze bald zu stinken beginnen. Zuerst rief Samé leise, dann lauter. Schließlich öffnete sich die Luke erneut. Ein Wärter schaute herab, brüllte etwas nach hinten, und wenig später wurde eine Leiter herabgelassen. Die Männer oben hatten sich Tücher vor Mund und Nase gebunden, und durch ihre Gesten verstand Samé, dass er den Toten selbst nach oben schaffen sollte.
Er schob die Arme des Mannes über seine Schultern, hielt die Hände vor seiner Brust und hievte den leblosen Körper hoch. Erschrocken stellte er fest, wie leicht er war. Doch auf der Leiter ins Wanken geraten, wäre er beinahe mit ihm zurückgestürzt. Niemand half. Schweigend sahen die anderen zu.
Als sein Kopf durch die Luke stieß, spürte Samé den Wind auf der Haut. Er sog die salzige Brise tief ein, um den Gestank von unten zu verdrängen. Kokos und Vanille waren längst verflogen; übrig geblieben war ein beißender, säuerlicher Geruch – der Geruch von Angst, der sich in jede Ritze gefressen hatte.
Ein Schlag am Hinterkopf trieb ihn weiter. Noch einer in die Seite. Strauchelnd schleppte er den Toten über die Planken und ließ ihn fallen. Dumpf krachte der Körper auf das Holz. Wieder sauste ein Hieb nieder.
Samé sank zusammen. Den ersten Schnitt der Peitsche spürte er in jedem Nerv, doch bald brannte der Schmerz nur noch in seinem Rücken. Mit jedem Schlag riss Haut auf, warmes Blut rann über seinen Bauch und tropfte auf die Planken. Der Mann peitschte weiter, bis er erschöpft innehielt. Dann stießen zwei Helfer Samé hoch.
„Noch einmal machst du mein Deck dreckig, und ich prügle dich zu Tode. Brechen soll ich euch. Also heb ihn auf und wirf ihn über Bord!“
Samé verstand trotz des gebrochenen Portugiesisch. Schwankend beugte er sich erneut hinab, hob den toten Körper und schleppte ihn zur Reling. Für einen Herzschlag dachte er daran, selbst zu springen. Doch der Schmerz, das endlose Meer, kein Land in Sicht – alles sprach dagegen. Er ließ den Toten ins Wasser gleiten und sah zu, wie er im schäumenden Kielwasser versank. Bevor er den Blick abwenden konnte, packten ihn die Männer und stießen ihn wieder durch die Luke.
Dann Gesang. Wärme. Sein Kopf lag im Schoß seiner Mutter, die ihm über das Haar strich, während ihr Tuch goldenes Sonnenlicht auf sein Gesicht warf. „Mama … ich vermisse dich“, flüsterte er. Sie lächelte, schwieg. „Mama!“ rief er lauter, wollte sie fassen – doch jedes Mal, wenn er die Arme ausstreckte, wich sie zurück. „MAMA!“
Der Schrei zerriss den Traum. Hände packten ihn, hielten ihn fest, während Schmerz wie eine Flut über seinen Körper schwappte. Die Gefangenen hatten sich um ihn geschart, versorgten notdürftig seine Wunden. Ein Mann betupfte seinen Rücken. Samé sank in einen Schoß zurück – doch das Gesicht, das ihn nun anlächelte, war nicht das seiner Mutter: tiefschwarz, mit funkelnden Augen, weißen Zähnen und einer breiten Lücke, die dem Lächeln eine verschmitzte Note gab.
„Ich bin Demba. Freut mich, dich kennenzulernen.“
Samé starrte überrascht. Bisher hatte niemand mit ihm gesprochen. Zögernd antwortete er: „Samé.“
Demba half ihm, sich aufzurichten. „Weißt du, wohin sie uns bringen?“ Seine Stimme war leise, voller Furcht.
„Nein … ich sehe die Sonne nicht …“
Demba nickte ernst. „Ich hab die Sonne nie verstanden.“ Samé begriff, dass dieser Mann vielleicht nicht klug war, aber sein Herz war groß.
In den nächsten Tagen starben zwei weitere. Als endlich das Geschrei der Vögel zunahm, wusste Samé: Land.
Die Luke öffnete sich, Lumpen wurden herabgeworfen. „Anziehen und Kapuzen auf!“ Sie hüllten sich in den stinkenden Stoff, der voller Flöhe war und Samés verletzten Rücken aufs Neue quälte. Einer nach dem anderen wurden sie an Deck gebracht, gefesselt, aufgereiht.
„Vorwärts!“ befahl ein Mann dunkler Haut. Samé vermutete, er war einst einer von ihnen gewesen. „Köpfe gesenkt. Kein Wort.“
Ihr Zug setzte sich in Bewegung, die Menge wich zurück. Der Geruch der Gefangenen eilte ihnen voraus. Samé wagte einen kurzen Blick – und verfing sich in dem Gesicht eines blassen Mädchens. Sie sah ihn an, mit Abscheu und etwas anderem, das er nicht deuten konnte. Verwunderung? Er konnte den Blick nicht lösen, bis er an ihr vorbeigegangen war. Umzusehen traute er sich nicht.
Rumpelnd bahnte sich die Kutsche ihren Weg über die staubigen Straßen – weg vom Hafen, weg von dem Mädchen. Samé saß zusammen mit den anderen Gefangenen hinten auf der Ladefläche. In einem anderen Leben war er selbst einmal eine Kutsche gefahren. Damals, als portugiesische Siedler ins Nachbardorf gezogen waren, mit einer Wagenladung voller Möbel und fremder Dinge, die der kleine Samé noch nie gesehen hatte. Für einen Augenblick hatte er die Zügel in den Händen gehalten. In einem anderen Leben.
Die Häuser wurden kleiner, je weiter sie sich vom Hafen entfernten, bis schließlich nur noch vereinzelte Gebäude am Wegesrand standen. Dann umschloss sie dichter Wald. Der Geruch von feuchtem Erdreich stieg Samé in die Nase. Das Rattern der Räder übertönte beinahe die Geräusche des Waldes: das Zwitschern exotischer Vögel, das Summen der Insekten, das Rauschen der Blätter in den hohen Bananenstauden. Samé sog die Schönheit der Umgebung in sich auf – ein krasser Gegensatz zu dem Grauen, das er gerade erlebte. Grün in unzähligen Schattierungen verschmolz zu einem lebendigen Mosaik, während die Kutsche sich holpernd durch das Dickicht schob.
Schließlich öffnete sich der Wald, und die Straße mündete in eine Auffahrt, so breit, dass sie bequem durch Samés ganzes Dorf hätte führen können. Hinter hohen Bäumen erschien ein gewaltiges, weißes Haus – groß genug, um seinen gesamten Stamm zu beherbergen. Vor der Tür stand ein alter weißer Mann, gestützt von einer ebenso alten Frau. Auf der anderen Seite hielt ihn eine schwarze Frau untergehakt, ganz in Weiß gekleidet und mit einer Haube. Ein weiterer Mann trat hinzu und musterte die Gruppe mit unverhohlener Verachtung.
Die Kutsche hielt. Die Gefangenen wurden aufgefordert auszusteigen und sich in einer Reihe vor dem Eingang aufzustellen. Mit krächzender Stimme begann der alte Mann zu sprechen; der andere übersetzte:
„Willkommen auf der Hartmann-Plantage. Wir bauen hier Nelken und Vanille an. Ndogu wird euch gleich eure Unterkunft zeigen. Ihr gehört jetzt mir. Für den Preis, den ich für euch gezahlt habe, erwarte ich Fleiß und Gehorsam. Dann wird es euch bei uns gut gehen.“
Danach wandte er sich ab und ließ sich ins Haus geleiten, gefolgt von einem der Männer vom Schiff. Samé wusste: Jetzt wurde das Geschäft besiegelt.
Ndogu, der wohl selbst einmal Gefangener gewesen war, führte die Gruppe über einen Trampelpfad zu einem Halbkreis aus zehn Hütten. „Vier pro Hütte“, erklärte er knapp. „Der Gong weckt euch. Morgen früh stellt ihr euch vor eurer Hütte auf.“ Dann ließ er sie zurück.
Samé trat in die erste Hütte rechts. Der Vorhang, der als Tür diente, ließ ihn in einen spärlich eingerichteten Raum blicken: vier Betten, je in einer Ecke, und in der Mitte ein Tisch mit vier ungleichen Stühlen. Samé wählte das Bett hinten links, erleichtert, als sich Demba in der gegenüberliegenden Ecke niederließ, seine langen Beine weit über die Bettkante gestreckt. Mit ihnen teilten Nio und Musa die Hütte.
Zuerst jedoch mussten die verlausten Lumpen verschwinden. Am Brunnen in der Mitte des Platzes wuschen sich die Männer schweigend, rubbelten den Gestank der Überfahrt von Haut und Haar. Die Lumpen warfen sie ins Feuer, und jeder zog die Kleidung an, die auf seinem Bett bereitlag. Samé staunte, wie gut ihm Hemd und Hose passten. Demba hingegen sah aus, als hätte man ihn in die Sachen eines Kindes gezwängt.
Sie legten sich schweigend auf die Betten und warteten. Von Nio erfuhren sie, dass in den übrigen Hütten fremde Habseligkeiten lagen – Zeichen dafür, dass dort bereits andere Gefangene lebten. Und tatsächlich: Gegen Abend kehrten die Bewohner von der Arbeit zurück. Es wurde gekocht, gesprochen, und die Neuen wurden in die Zwangsgemeinschaft aufgenommen.
Zum ersten Mal seit Wochen schlief Samé traumlos – bis der dumpfe Schlag des Gongs ihn am Morgen in die Realität zurückriss.
